Januar 2004

Gabriele Karl, Andrea Troppmann

Sie war lästig – über den Mord an der dreijährigen Caroline


Gewalt gegen Kinder – Nicht Anzeigen schützt nur die Täter


Im Januar diesen Jahres 2004 machte der Mord an der dreijährigen Caroline im bayerischen Ort Weißenhorn Schlagzeilen. Caroline wurde von ihrer Mutter und/oder deren Lebensgefährten erschlagen.
Nach der Tat, das Kind lebte zunächst noch, wurde das kleine Mädchen ausgezogen, geduscht und kahl geschoren, um Spuren zu verwischen. Anschließend wurde die sterbende Caroline in ein Leintuch gehüllt und in einer Kliniktoilette abgelegt, wo sie Stunden später gefunden wurde.

Unser Mitglied Frau Dr. Andrea Troppmann schrieb folgenden Aufsatz an alle Münchner Zeitungen; er wurde auch im Münchner Merkur und in der tz veröffentlicht.



Beitrag zum Thema „Erschlagenes Kind in der Weißenhorner Klinik“ - Ihr Bericht vom 10./11.1.04

Sie war lästig – über den Mord an der dreijährigen Caroline.

Welch fatale Folgen es haben kann, wenn Menschen Eltern werden, denen die Natur keinen Beschützerinstinkt für ihre Kinder mitgegeben hat, führt uns der grausame und sinnlose Tod der dreijährigen Carolin vor Augen.
Allein schon traurig genug, dass das kleine Mädchen seine ersten und einzigen drei Lebensjahre ohne Mutterliebe, unerwünscht und isoliert leben musste; besonders verhängnisvoll auch, dass diese alleinerziehende Mutter ein passendes Pendant fand, das sie zu einer derart menschenverachtenden Tat erst befähigte.
Was für eine niedere Motivation, sein eigenes Kind zu töten, weil es lästig geworden war – jeder weiß doch um die endlos lange Liste von Adoptionswünschen in Deutschland!
Aus reinem Selbstschutz möchte man sich lieber nicht vorstellen, an wie vielen Kindern sich im deutschen Staat ähnliche Schicksale vollziehen – isoliert hinter verschlossenen Türen in den Wohnungen, 24 Stunden am Tag ausgesetzt der unberechenbaren, unkontrollierten, brutalen Willkür ihrer Eltern.

Die Frage drängt sich zwingend in den Vordergrund: Woran liegt es, dass Gewalt, Aggression, sexuelle Übergriffe gegen bzw. auf Kinder oftmals erst so spät erkannt werden, dass bereits irreversible Schäden an Leib und Seele der Kinder entstanden sind?

Meiner Meinung nach können die Institution Jugendamt in Zusammenarbeit mit der Polizei, die behandelnden Ärzte und auch Nachbarschaften einen wertvollen Beitrag zur Vermeidung und/oder Aufklärung solch schwerer Delikte leisten. Präventionsarbeit wäre bereits in den Geburtskliniken denkbar: Wenigstens in einigen Fällen müsste es sensiblen Ärzten und dem jeweiligen Pflegepersonal möglich sein, eine fehlende Mutter-Kind-Bindung als Alarmsignal festzustellen und entsprechende Maßnahmen der Unterstützung bzw. Hilfe einzuleiten - so etwa bei genannter diagnostizierter fehlender Beziehung beispielsweise regelmäßigen Besuch der Familie durch das Jugendamt zu initiieren, das sich in Deutschland bis in die 80er Jahre hinein ohnehin routinemäßig nach dem Wohlergehen eines Neugeborenen erkundigte.
Ein weiterer Ansatzpunkt besteht dann in der tatkräftigen, professionellen Unterstützung nachweislich labiler Eltern, die aufgrund eines von kindlichen Bedürfnissen deutlich abweichenden Lebenswandels (Sucht- oder psychische Krankheiten, Beziehungen zum kriminellen Milieu etc.) klarerweise mit einer Erziehung von Kindern keinesfalls sich selbst überlassen bleiben dürften.
Der Tod der dreijährigen Carolin sollte der Öffentlichkeit wieder einmal bewusst machen, dass nicht grundsätzlich alle Eltern ihre Kinder in normalem und natürlichem Sinne lieben und schützen. Es ergeht ein dringender Appell an unsere Gesellschaft, Kinder nicht nur des Grundgesetzes wegen und in der Theorie als höchstes Gut zu definieren, sondern auch einen realitätsnahen, praktischen Beitrag zum Kinderschutz zu leisten. Jeder Einzelne wird ersucht, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und versteckte, schwache Hilfeschreie oder auch „nur“ Anzeichen von Misshandlung in seiner nächsten Umgebung zu erkennen und dort Hilfe zu leisten.

Wie unangemessen ist doch angesichts der sehr hoch eingeschätzten Dunkelziffer und der hohen Anzahl aufgedeckter Gewaltverbrechen an Kindern die Bemerkung unseres Bundeskanzlers, der in punkto Kinderschutz „keinen Handlungsbedarf“ zu erkennen glaubt. Als verantwortungsbewusste Mutter dreier Kinder und berufstätige Bürgerin bin ich jedenfalls schon vor langer Zeit einer Opferschutzvereinigung (Opfer gegen Gewalt e.V. von Frau Gabriele Karl, München) beigetreten, um wenigstens einen kleinen Anteil an der Aufgabe zu übernehmen, die eigentlich - auch von Rechts wegen - Staatssache ist!

Dr. Andrea Troppmann, Hohenschäftlarn bei München


Eine Woche nach dem grausamen Geschehen wurde bekannt, dass Nachbarn das Jugendamt schon Wochen vor dem Mord alarmiert hatten. Ein Mitarbeiter hatte die Familie auch aufgesucht, aber niemanden angetroffen – und das war alles.

Am 17. Januar, also eine Woche nach Carolines Tod, finden wir in der Abendzeitung folgende Meldung:

„Wieder Kinder gefoltert!“
Eine 22jährige brachte ihr 17 Monate altes Töchterchen mit gebrochenem Oberschenkel und zahlreichen Blutergüssen ins Fürther Klinikum. Der Arzt informierte Gott sei Dank nicht das Jugendamt, sondern die Polizei, und so konnte ermittelt werden, dass auch das sechs Wochen alte Schwesterchen misshandelt worden war, es wurden u. a. schwere Kopfverletzungen festgestellt. Das Jugendamt war längst informiert, hatte es doch vor einigen Monaten das älteste Kind der Mutter weggenommen – und das war alles.
Mich persönlich hat es besonders erschüttert, dass die Misshandlungen der Kinder aus Fürth den meisten Medien keine Zeile wert war.

Sind wir durch die Anhäufung von Gewalt gegen Kinder bereits blind und taub? Wo bleibt die Welle der Empörung über derart grausame Verbrechen?

Diese Arbeitsweise der Jugendämter beobachte ich nun schon, seit ich mit der Arbeit im Opferschutz begonnen habe. Der grausame Tod der kleinen Caroline hätte verhindert werden können, genauso wie viele tausend Verbrechen an Kindern, wenn das Jugendamt endlich verpflichtet wäre, Anzeige zu erstatten, wenn ihm ein Fall von Gewalt gegen Kinder angetragen wird.
Das Jugendamt hat weder die Mittel noch das nötige Fachpersonal noch die notwendige Sachkenntnis, in derartigen Fällen selbst zu ermitteln und zwar so, dass Beweise für ein eventuelles späteres Gerichtsverfahren gesichert werden und nicht verloren gehen.
Da eine Anzeige im Einzelfall oft nicht gleich möglich ist (oberste Priorität muss bei Verbrechen gegen Kinder immer deren Sicherheit und die Bedürfnisse der betroffenen Kinder haben), befürworten wir eine Regelung, wonach das Jugendamt grundsätzlich Straftaten anzeigen muss, es sei denn, es kann schwer wiegende Gründe angeben, warum von einer Anzeige abgesehen wird. Es muss in dieser Begründung aber auch erklärt werden, wie die Sicherheit des betroffenen Kindes gewährleistet wird bzw. welche Maßnahmen eingeleitet werden, um den Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden, und vor allem muss dokumentiert werden, wann eine Anzeige voraussichtlich erfolgen kann.
Diese Regelung könnte vielen Kindern helfen. „Nicht Anzeigen schützt nur die Täter“, so ein Spruch an der Wand des Opferschutzkommisariats im Münchner Polizeipräsidium.
Während Polizei und Justiz gerade im Kinderschutz in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt haben, erzählt das Jugendamt immer noch die alte Mähr vom schrecklichen Verfahren, welches durch eine Anzeige auf das Kind zukommt. Genau das Gegenteil ist der Fall! Mit professionellem Opferschutz gehen die Kinder heute gestärkt aus den Verfahren hervor. Sowohl Polizei als auch Staatsanwaltschaft und Richter sind in der Regel bestens auf ihre kleine Kundschaft vorbereitet. Nur das Jugendamt steckt anscheinend noch im Mittelalter.
Über 90 % der Verbrechen an Kindern in Deutschland liegen im Dunkelfeld, d. h., es kommt nie zu einer Anzeige, geschweige denn zu einem Gerichtsverfahren.
Unicef beklagt, dass 15 Jahre nach Abschluss der UN-Kinderrechtskonvention Rechte von Kindern in Deutschland immer noch nicht ausreichend geachtet würden (Meldung in der SZ vom 17.01.2004).

Ein Skandal bei dem die Welt aufschreien müsste, aber es schreien nur ganz Wenige und die Wenigen werden nicht gehört.