30. Januar 2004

Gabriele Karl

Opferschutz als Quotensprung - Unsere Kritik am Film "Stärker als der Tod"

"Stärker als der Tod" war angekündigt als TV Drama, welches die Situation von Familien, in denen ein Kind ermordet wurde darstellen soll. Frau Veronika Ferres wollte nach eigenen Aussagen mit dieser Rolle (sie spielte die Mutter des ermordeten Mädchens) ihr soziales Engagement für den Opferschutz ausdrücken.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Film ließ keinerlei ernsthafte Bemühung erkennen, die Opfersituation der betroffenen Familien auch nur ansatzweise realistisch wiederzugeben.

Sei es der dargestellte, unsensible Umgang der Polizei mit der Familie, seien es die streitigen Dialoge innerhalb der Familie, eine Mutter die, nachdem ihr Kind vermisst wird, nicht ans Telefon geht, weil sie spürt, dass ihr Kind tot ist. Alle Eltern, deren Kind vermisst war und später tot gefunden wurde erzählten mir, dass die Hoffnung, das Kind lebend wieder zu sehen, sie in dieser Zeit am Leben gehalten hat. Auch das fehlende Interesse der Mutter an der Gerichtsverhandlung, der Ausschluss des Vaters von der Gerichtsverhandlung, all dies ist falsch. Gerade die Auseinandersetzung mit der Tat während des Gerichtsverfahrens ist für die Eltern von existentieller Bedeutung; schließlich ist es der letzte Liebesdienst, den Sie ihrem Kind erweisen können.

Die Fehlerliste lässt sich unendlich verlängern.

Selbst wenn Frau Ferres ausdrucksvoller gespielt hätte, wäre aus diesem Drehbuch kein Film geworden, der den Opfern gerecht werden könnte.

Der Film ist ein Sammelsurium von Vorurteilen und Gemeinplätzen, die größtenteils mit der Wirklichkeit nicht viel gemein haben. Tatsächlich erzählen die Opfer beispielsweise immer wieder, wie sehr ihnen der Beistand, die Hilfe, die Fürsorge von Freunden und Verwandten, von Mitschülern des ermordeten Kindes usw. geholfen hat. Sie erzählen immer wieder, wie sehr sich die Polizei Mühe gegeben hat, die richtigen Worte zu finden.
In diesem Film ist von alledem nichts zu sehen. Keine einzige Blume auf dem Sarg eines ermordeten Kindes - ein unvorstellbarer Gedanke.

Typisch dann auch das Ende des Films. Nach dramatischer Rettungsaktion liegt das zweite Kind nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus. Die Mutter steht weit entfernt vom Krankenzimmer, in dem das Kind mit dem Tode ringt. Während der Arzt aus dem Zimmer kommt und mit dem Vater spricht, rührt sich die Mutter nicht von der Stelle. Kam hier wirklich keiner auf die Idee, dass jede normale Mutter hier ungeduldig an der Zimmertür wartet und den Arzt sofort, wenn er das Krankenzimmer verlässt, nach dem Befinden des Kindes fragt und das Kind sehen will?
Die abschließende Umarmung der Eltern sollte wohl ein versöhnlicher Abschluss sein. Ein billiges Happy End für unsere Spaßgesellschaft.


Gabriele Karl Vorsitzende des Vereins Opfer gegen Gewalt e.V.




München, den 30. Januar 2004