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Der Fall Schmökel oder Die Opfer unseres RechtsstaatsGastkommentar von Gabriele Karl in: DIE WELT - Forum 20.11.2000 (Anmerkung: Die Überschrift wurde von der Redaktion geändert in:) Die Hölle der Opfer - Der Fall Schmökel zeigt es erneut: Auf die Befunde der Therapeuten sollte man sich nicht verlassen. Frank Schmökel ist gefasst. Die Gesellschaft atmet auf. Ein gefährlicher, unberechenbarer Verbrecher ist wieder sicher hinter Schloss und Riegel verwahrt. Ein Staatssekretär hat die Verantwortung dafür übernommen, dass der gemeingefährliche und mehrfach vorbestrafte Kinderschänder Ausgang erhalten hatte und dabei die Flucht ergreifen konnte. Eine Kommission will überdies klären, ob es weitere Versäumnisse in der Angelegenheit gegeben hat. Man gibt sich schuldbewusst, bemüht - und willig. Was können wir auch mehr erwarten? Diese deutsche Schwamm-drüber-Mentalität hat schon vielen Menschen, vor allem Hunderten von Kindern und Jugendlichen, das Leben gekostet. Immer wieder lassen wir mehrfach vorbestrafte Sexualverbrecher mehr oder weniger freiwillig auf unschuldige Bürger los. Manchmal, weil wir sie nicht genug gesichert haben; meist aber, weil bemühte Therapeuten sie in maßloser Überschätzung des eigenen Könnens für gebessert erklären und aus der Sicherheit des Gefängnisses oder einer psychiatrischen Anstalt in einen riesigen Feldversuch auf Kosten der Bürger entlassen. Hier wird die Freiheit von Sexualverbrechern als bedeutender eingestuft als das Leben unschuldiger Opfer. Die wenigsten Sexualstraftäter sind im engeren Sinne psychisch krank. Einige Täter haben tatsächlich psychische Störungen, aber doch nicht in dem Ausmaß, dass sie für ihr Handeln nicht verantwortlich wären. Tatsächlich ist das Gros der Sexualstraftäter voll schuldfähig; sie sind nicht krank, sondern kriminell. Trotzdem wollen uns Psychiater und Psychologen glauben machen, das Verhalten dieser Täter grundlegend verändern zu können, ihr Handeln durch Begutachtung prognostizieren, den Rückfall delinquenten Handelns vermeiden zu können. Die Wahrheit ist, dass Sexualverbrecher in den meisten Fällen wiederholt schwere Straftaten begehen, dass sie nicht zuverlässig therapierbar sind und vor allem, dass die Medizin bis heute kein wirkliches Instrumentarium hat, um einigermaßen zuverlässige Prognosen zu stellen. Die Illusion der perfekten Resozialisierung kostet Menschenopfer. Gleichzeitig kann die Hilfe, Beratung, Unterstützung der Opfer, beziehungsweise der Angehörigen von Mordopfern als Bankrotterklärung unseres Sozialstaates bezeichnet werden. Unsere Erfahrung mit Angehörigen von inzwischen weit über 100 Mordopfern zeigt, dass ein Mord in den betroffenen Familien eine Zerstörung sämtlicher Lebensbereiche verursacht, dass die Angehörigen krank werden, sich zurückziehen, ins soziale und finanzielle Abseits geraten. Auf der Suche nach Untersuchungen über das Schicksal schwerst traumatisierter Gewaltopfer sind wir auf ein großes Nichts gestoßen. Aus diesem Grund haben wir uns zu einer umfassenden Studie zur Erfassung der Opfersituation von Angehörigen ermordeter Kinder entschlossen. Insgesamt haben 27 Familien oder 68 Personen (Eltern und Geschwister) mitgewirkt. Es ist dies wohl die europaweit einzige Erhebung von Opfern schwerster Gewaltverbrechen in dieser Größenordnung. Obwohl nur die Familien an der Befragung teilnehmen konnten, die gesundheitlich dazu überhaupt in der Lage waren, hat unsere Studie eindrucksvoll gezeigt, dass hier dringend Hilfe benötigt wird. So erkrankten beispielsweise 96 % der betroffenen Mütter infolge der Tat, wobei die Erkrankungen in den meisten Fällen (86 %) chronisch verlaufen. Staatliche Unterstützung, Hilfe blieb den Opfern jedoch meist versagt. Betroffene haben zwar Rechte (z. B. im Strafverfahren oder auch Ansprüche auf Hilfen nach dem Opferentschädigungsgesetz), aber sie werden darüber nicht aufgeklärt, müssen um jede noch so kleine Hilfsmaßnahme kämpfen und können die ihnen zustehenden Ansprüche meist nicht durchsetzen. Schlimmer noch, Opfer geraten in der Auseinandersetzung mit den Behörden regelmäßig in eine Situation, die es ihnen unmöglich macht, ihren Opferstatus zu überwinden. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Ausbildung der Juristen das Thema Opferschutz nahezu ausgeklammert ist. Und während sich ganze Horden von Wissenschaftlern der Frage des Täterwerdens widmen, ist die Opferproblematik bis heute nicht einmal ansatzweise erkundet. Weder die Symptomatik der Folgeschäden von Gewaltopfern an sich noch ihre Ausprägungen sind hinreichend erforscht. Therapeutische Maßnahmen stoßen damit zwangsläufig an ihre Grenzen Frank Schmökel ist gefasst. Die Gesellschaft atmet auf. Doch unsere vermeintliche Sicherheit kann nur von kurzer Dauer sein, wenn die Gesellschaft nicht endlich bereit ist, die Interessen der Gemeinschaft über die einzelner Schwerverbrecher zu stellen. Meine Hoffnung auf Einsicht ist hier eher gering, wenn ich erfahre, dass der zuständige brandenburgische Sozialminister, Alwin Ziel, den nächsten Freigang Schmökels schon wieder in Aussicht stellt - für die Opfer ist das ein Schlag ins Gesicht. Wie formulierten doch einmal die Ärzte ohne Grenzen: „Die Gleichgültigkeit gegenüber Ungerechtigkeit ist das Tor zur Hölle“ - eine Hölle, in die Opfer regelmäßig geschickt werden. | ||